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Dienstabend. Ich muss heute früher los und stehe für einen Moment in der Fahrzeughalle. Mehr als 80 Leute sind heute Abend unterwegs und üben, um bereit zu sein.

Die Halle sieht leer aus.

Da hinten in der Ecke steht unsere Übungstür. Sie hat schon ein paar Menschen gerettet, weil wir an ihr gelernt haben, Türen schnell zu öffnen, wenn es drauf ankommt. Diese Leute werden nie erfahren, dass sie ihr Leben ein paar zusammengeschweißten Profilen und Holzkeilen verdanken.

Da vorne auf dem Boden habe ich mal nach einem Einsatz gesessen und mehr als eine Stunde mit einem Kameraden geredet, nachdem wir einen Menschen nicht retten konnten. Die Gedanken dieser Nacht - sie sind noch da. Die Erinnerung an den Toten auch. Sie berührt mich immer wieder, wenn ich dort vorbeigehe.

Etwas weiter die Wand entlang haben wir zu zweit in einer eisig kalten Nacht alle verfügbaren PA enteist, gesäubert, fertiggemacht und durchgeprüft, nachdem wir stundenlang bei -10°C einen brennenden Dachstuhl gelöscht hatten. Morgens musste ich mich übergeben vor Müdigkeit und Erschöpfung. Aber die Fahrzeuge waren wieder einsatzbereit. Auch daran denke ich kurz, als ich daran vorbeigehe.

Links geht es zu den Spinden. Dort habe ich mal eine lange, hitzige Diskussion mit einer anderen Führungskraft über die zukünftige Ausrichtung unserer Ausbildung gehabt. Einen Großteil der damals diskutierten Punkte haben wir heute schon umgesetzt und bilden sie aus. Ich blicke nach draußen und sehe eines der Ergebnisse dieser Diskussion. Ich muss lächeln und freue mich darüber, dass die Kameraden beim nächsten Einsatz die Bude rocken werden.

Im Durchgang hängt das Bild vom Pfingstlager 2011. Über 1000 Teilnehmer und Betreuer, Bombenstimmung, super Wetter und keine Nacht mehr als 3 Stunden Schlaf. Ich denke an die ausgelassene Fröhlichkeit, den Spaß, die Nächte am Kopierer (Lagerzeitung ...) und die kleinen Erlebnisse am Rande und muss schon wieder grinsen.

Die Kiste an der Wand: Handschuhe für Einsätze, bei denen Körperflüssigkeiten im Spiel sind. Gerade neulich Nacht habe ich welche gebraucht, um Minuten später gut behandschuht die Füße eines Verunglückten zwischen den Pedalen seines Autos herauszuholen. Ein wichtiger Schutz für uns, aber immer, wenn ich da mit Schwung reingreife, hat jemand anders ein gravierendes Problem. Ich denke an den jungen Mann und wünsche ihm, dass er schnell wieder gesund wird.

In der Ecke ganz rechts hat mir vor Jahren ein Kamerad von seinem Liebeskummer erzählt, nachdem er den ganzen Dienst rumgemotzt hatte. Heute ist er wieder glücklich und sichert demnächst hoffentlich den Nachwuchs für unsere Wehr. In 18 Jahren steht vielleicht ein junger Mensch mit seinem Gesicht beim Antreten in der Reihe, während ich schon kurz vor der Ehrenabteilung bin. Etwa die Hälfte meiner aktiven Zeit ist rum. Kurz zucke ich zusammen bei diesem Gedanken, aber das ist ja noch viel Zeit bis dahin.

Gleich werden die anderen zurückkommen. Auch ihre Erinnerungen und Gedanken hängen hier in dieser Halle. Freude, Anspannung, Trauer, Spaß, Anstrengung, Stress, Eile ... all das schwebt hier immer in der Luft. Das kann nur verstehen, wer diese Erlebnisse mit uns teilt.

Die Halle ist nicht leer.

Wiebke Thönißen