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Lehrling sein

Endlich habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt und Katamaran-Segeln gelernt. Damit war ich nach langen Jahren als Ausbilderin, Dozentin und Führungskraft mal wieder auf der anderen Seite: die der unbeleckten Lernenden. Komplett neues Thema, so gut wie keine Ahnung davon, das passiert mir bei der Feuerwehr nicht mehr. Gut, ein bisschen was über Wind und Vorfahrt kannte ich vom Surfen, aber so ein Katamaran ist halt schon ein großes Schlachtschiff im Vergleich zu meinen kleinen Boards.

Der erste Tag geht fröhlich los, wie das bei Anfängern halt so ist: Boote verteilen, Begriffe erklärt bekommen und gleich wieder die Hälfte vergessen, die ersten Schläge auf dem Wasser segeln, die ersten Wenden durchdümpeln. Im Kopf wirbelt es: „Wo muss ich ziehen? Warum fährt das Ding jetzt da lang? Wo kann ich mich festhalten? Was mache ich eigentlich, wenn das Teil kentert? Huch, das fährt aber schnell!“ Parallel zu unserem Kurs findet für die Fortgeschrittenen ein Seminar mit einem Segelprofi statt. Wir staunen zwischendurch immer wieder „die schnellen Großen” an, bevor wir uns wieder darauf konzentrieren müssen, nicht ins Wasser zu fallen.

Grundkurs oder Crashkurs?

Abends dann eine Überraschung: Unser Segellehrer findet, dass wir uns nicht allzu blöde angestellt haben. Er fragt den Segelprofi, ob wir ab dem nächsten Tag im Seminar mitsegeln dürfen. Und Tim sagt ja. Am nächsten Morgen treffen wir uns mit ihm und bekommen erklärt, was der Mann mit uns vorhat. Er will uns Tricks und Kniffe zeigen, die uns blutigen Anfängern das Segeln erheblich erleichtern sollen, nicht alles ganz lehrbuchgemäß, aber Spaß soll es machen. Wieder fliegen neue Begriffe durch die Luft, neue Manöver werden in Aussicht gestellt und über allem liegt sein breites Grinsen.

Der Mann brennt für seinen Sport. Während ich mich innerlich auf die „Abkürzung“ zum richtigen Segeln freue, bekommt eine andere Kursteilnehmerin Muffensausen und wird unfreundlich. Sie habe einen Anfängerkurs gebucht und nicht dieses Durcheinander, sie könne ja kaum geradeaus fahren und jetzt solle sie hier gleich Profi-Manöver am zweiten Tag lernen, das sei doch total gefährlich und im Lehrbuch stünde das alles auch so nicht. Der Profi bleibt cool und sagt im Wesentlichen zwei Sätze: „Klar kommst du auch an, wenn du nach Lehrbuch segelst - aber wenn du kraftsparend und schnell segeln willst, solltest du das alles mal ausprobieren“ und „Beim Mann-über-Bord-Manöver ist auch eine ausgekugelte Schulter kein Drama, Hauptsache, der ersäuft nicht.“

Parallelen zur Feuerwehr

Hier kommt der Punkt, an dem es bei mir innerlich laut „Klack!“ macht. Ersetzt man das Lehrbuch durch die FwDV 3 oder die UVV Feuerwehren und das Segeln durch Hofballett im Vergleich zu realen Einsätzen, dann erzähle ich oft sinngemäß das Gleiche. Klar kann ich weiterhin mit einzelnen Rollschläuchen unter dem Arm durch die Gegend hetzen, aber effizient werde ich durch klug eingesetzte Schlauchpakete und Tragekörbe. Klar kann ich beim TH-Einsatz alles Geraffel auf dem Ablageplatz stapeln und dann immer laufen, wenn ich was brauche, aber richtig zügig rette ich nur mit den Geräten, die jemand bereits fest besetzt in der Hand hält. Und natürlich kann ich Mayday rufen und warten, bis jemand irgendwann mit ganz viel Zeug zur Hilfe erscheint, aber wenn ich meinem Trupppartner das Leben retten will, muss ich ihn vielleicht hinter mir herschleifen und ihm dabei die Schulter auskugeln.

Und auch die Reichsbedenkenträgerin mit ihrem Segel-Lehrbuch finden wir in unseren Feuerwehrreihen: Bei uns heißt es dann, das Gerät sei nicht zugelassen, das käme so nicht nicht der FwDV XY vor oder - ganz schlimm! - „wenn wir das machen, sind wir nicht versichert!“ Um es kurz zu machen: Die Dame stieg aus und segelte den Rest der Woche lehrbuchmäßig und sehr langsam vor der Küste auf und ab, während wir am zweiten Tag bereits das Heizen lernten und auch die Nummer mit dem Mann über Bord viel schneller in den Griff bekamen. Unser Profi war sich aber auch nicht zu schade, mit uns Knoten und Vorfahrtsregeln zu üben, obwohl er dafür nun wirklich nicht engagiert worden war. Nach einer Woche stieg ich mit einer neuen Bekannten als Vorschoterin auf den Kat und sie fragte mich nach fünf Minuten, wie viele Jahre ich schon segele.

Was sagt mir diese Woche unter Segeln nun?

Grundsätzlich: Ein guter Lehrer brennt für sein Thema, ob nun Feuer oder Wasser. Ein guter Lehrer ist sich niemals zu schade für die Kleinigkeiten. Und sonst?

  • Nicht nur bei uns gibt es erhebliche Diskrepanzen zwischen dem Lehrbuch/Hofballett und dem „echten Leben“.

  • Warum bringen wir unseren Neuen immer noch 30-50 Jahre altes Zeug bei, das sie im „echten Leben“ niemals anwenden? Warum hört immer noch jeder Neuling nach dem Grundlehrgang die Sätze „das machen wir im Einsatz ganz anders“ und „guck mal hier, das hattest du bestimmt noch nie in der Hand“?

  • Haben wir angesichts der Mitgliederentwicklung und der Konkurrenz um die knappe Freizeit unserer Mitglieder wirklich noch die Zeit, den Leuten Sachen beizubringen, die sie a) verwirren und b) nie wieder brauchen?

  • Wie kann eine effiziente Ausbildung von Anfang an (!) aussehen, die unsere Neuen (und eben auch die Alten) gleich dort hinbringt, wo sie hinterher sowieso arbeiten müssen?

  • Welche Geräte und welche Arbeitstechniken müssen zum Standard werden, damit uns allen das Arbeiten leichter fällt?

  • Welches Ziel verfolgen wir, wenn wir ausbilden?

  • Kurz: Welche Zöpfe können wir abschneiden, welche nicht?

Über die Antworten werde ich sicher noch einige Zeit nachdenken. Es schadet jedoch bestimmt nicht, die ganz große Schere und auch die ganz kleinen Tricks dabei zu haben.

Danke, Tim.

 
Wiebke Thönißen
 
Fotos: Tim Stiegler/Feuerwehr Bruchköbel