Aktuelles

 

  

In der folgenden kleinen Geschichte soll es um zwei fiktive Feuerwehren irgendwo in Deutschland gehen, nennen wir sie einfach Feuerwehr A und Feuerwehr B. 

Notfall Tür verschlossen

Alltäglicher Alarm, eine Tür ist zu, dahinter liegt ein älterer Herr, der bis vor kurzem noch mit seiner Tochter telefoniert hat und plötzlich nicht mehr antwortete. Der Rettungsdienst ist bereits vor Ort, die Tochter (ohne Schlüssel) ebenso.
Feuerwehr A trifft am Einsatzort ein, holt den Türöffnungskoffer heraus, Sprüh-ins-Schloss, Akkuschrauber raus (puh, geladen!) und los geht es. Die erste Schraube bricht ab. Hinter der Tür ein Röcheln, dann Stille. Die zweite Schraube - mit Müh und Not reingedreht - bricht ebenfalls ab. Das große Brechbesteck wird hervorgeholt, doch so richtig weiß niemand, wie man das Ganze ansetzt und wo man draufhauen muss. Egal - versuchen wir es! Die Tür bleibt standhaft. Weitere Minuten vergehen, bis die Drehleiter in Stellung gebracht ist und jemand die Balkontür einschlägt. Der ältere Herr wird blau angelaufen im Flur aufgefunden. Der Notarzt bricht die Reanimation nach 30 Minuten ab.
Feuerwehr B bekommt einen ähnlichen Alarm in ihrer eigenen Stadt. Auch hier geht alles schief, was schiefgehen kann. Der ältere Herr verstirbt ebenfalls.
 

Und nun?

Feuerwehr A macht eine Nachbesprechung. Alle sind tief betroffen. Die anwesende Führung beschließt, dass sich etwas ändern muss.
Auch Feuerwehr B macht eine Nachbesprechung. Auch hier sind alle sind tief betroffen. Die anwesende Führung beschließt, dass sich etwas ändern muss.
 
Lösungswege?

 

Ein Gruppenführer der Feuerwehr A bekommt den Auftrag, sich des Problems anzunehmen. Er ruft zunächst bei einer befreundeten Feuerwehr an. Bei deren Feuerwehrfest hat er neulich eine Übungstür in der Halle stehen sehen. „Komm vorbei und schau es dir an“, lautet die Antwort. Und so kommt es, dass Gruppenführer A beim nächsten Übungsdienst vorbeischaut und sich mit Brechwerkzeug an der Tür austoben darf. Er dreht ein Video von Tür und Übung, stellt dies in seiner Feuerwehr vor und man ist sich einig: Das wollen wir auch. Gruppenführer A, der Gerätewart und einige „passende“ Handwerker sitzen wochenlang über Literatur und Entwürfen, telefonieren mit anderen Wehren und tüfteln, bis das richtige Modell gefunden ist. Das Material wird in den Haushalt eingestellt, der Gerätewart macht sich mit einigen Helfern ans Werk und einige Wochen später steht eine Übungstür in der Halle. Einen Pressebericht bei Feuerwehr A gibt es nicht, weil die Feuerwehrangehörigen ihr Tun für selbstverständlich erachten und nicht daran denken, dass eine solche Eigeninitiative auch für die Zeitung interessant wäre. Die ersten Versuche gehen fürchterlich schief. Gruppenführer A wird Papa, doch der Rest des Türteams ist dermaßen im Bilde, dass nach einigen Abenden voller Experimente und weiteren Rücksprachen mit der anderen Wehr der erste Übungsdienst abgehalten wird. Voller Elan gehen die Teilnehmer ans Werk und sind erstaunt, wie schnell man die meisten Türen geöffnet bekommt. Ein Teilnehmer baut in den folgenden Wochen ein Wechselschloss ein, damit man auch mit dem restlichen Werkzeug die Feinarbeit üben kann. Eine Menge Holz geht zu Bruch, die Tür und die Bewegungsabläufe werden verfeinert und irgendwann schreibt jemand eine Standardeinsatzregel für die Türöffnung. Nach vielen Übungsabenden ist allen klar, wann welches Werkzeug wie einzusetzen ist. Danach wird die Tür regelmäßig bei Übungen mit aufgebaut.
Ein Gruppenführer der Feuerwehr B bekommt ebenfalls den Auftrag, sich des Problems anzunehmen. Der Gruppenführer blättert im Produktkatalog eines namhaften Feuerwehrlieferanten, schaut sich ein paar Werbevideos auf Youtube an und ist sich sicher, die Lösung gefunden zu haben: Im nächsten Haushalt wird ein umfangreicher, neuer Türöffnungskoffer bestellt, der zusätzliche Werkzeuge der allerneuesten Machart mit allen Finessen beinhaltet. Der Feuerwehrverein schießt aus Spendengeldern noch etwas dazu. Es gibt eine Pressemitteilung und eine feierliche Übergabe mit dem Vereinsvorsitzenden. Fotos, klack, großer Zeitungsbericht. Der Koffer wird auf dem Fahrzeug verlastet. Er ist dermaßen schwer, dass man einen klappbaren Handwagen dazu beschaffen musste. Beim nächsten Dienst wird der Koffer feierlich ausgepackt, jeder darf „mal anfassen”, aber leider sind gerade nicht genug Übungsschlösser für alle da. Man beschließt einhellig, der Koffer sei eine feine Sache und man müsse sich das Ding dringend mal intensiv anschauen. Dabei bleibt es zunächst, denn Gruppenführer B ist gerade Papa geworden, hat wenig Zeit und sonst „weiß ja irgendwie auch keiner, was er sich jetzt genau dabei gedacht hat.“ Und so kommt es, dass der Koffer nahezu unberührt durch die Gegend gondelt.
 
Der nächste Einsatz
 
Alarm. Ein Nachbar hat ein Poltern aus der Wohnung der alten Dame nebenan gehört. Die Dame wimmert leise hinter der Tür. Der Rettungsdienst ist bereits vor Ort, der Sohn (ohne Schlüssel) ebenso.
Feuerwehr A trifft am Einsatzort ein.
Feuerwehr B bekommt den ähnlichen Alarm und trifft ebenfalls an ihrem Einsatzort ein.
Hier möge nun jeder selbst die Geschichte zu Ende schreiben.
 
Welche Feuerwehr wünscht Ihr Euch, wenn hinter der Tür Eure eigene Oma liegt? Welche Feuerwehr seid Ihr selbst?
 
 
Wiebke Thönißen
[inspiriert durch einen Vortrag von John McDonough, Fire & Rescue New South Wales, Australien]